Ciao Maestro - Ein persönlicher Abschied von Ennio Morricone

von Matthias Kastl / 7. Juli 2020

29. Juni 2019. Ein warmer Sommerabend im toskanischen Städtchen Lucca. Ein älterer Herr im Anzug, dem warmen Wetter auch mit 90 Jahren noch trotzend, betritt entschlossenen Schrittes eine große Freilichtbühne. In der linken Hand, fest umschlungen, ein längerer Stock, der auf die Entfernung an einen spitzen Dolch erinnert. Doch der Mann kommt in Frieden. Er schreitet mit fokussiertem Blick in Richtung eines unscheinbaren kleinen Podests, auf dem ein noch unscheinbarer kleiner Stuhl auf ihn wartet. Und dahinter die knapp 100 Musiker des Roma Sinfonietta Orchestra.

Den aufbrandenden Applaus der etwa 20.000 Zuschauer vor der Bühne nimmt Ennio Morricone kaum zur Kenntnis. Eine kurze Verbeugung, einmal Winken – das muss für das Publikum reichen. Morricone ist hier für etwas Anderes. Er setzt sich, hält kurz inne und reckt dann den Stock hoch in Richtung des einsetzenden Sonnenuntergangs. Das Publikum hält gespannt den Atem an. Darunter auch ein etwas dehydrierter deutsche Tourist in Block 1, Reihe 37, Platz 4. Der Stock schwingt nach unten. Es beginnt das letzte große Konzert einer ganz großen Filmlegende.

Eigentlich beginnt diese Geschichte schon im Sommer 2004. Jeden Morgen machte ich mich damals per Fahrrad auf zu meinem damaligen Praktikum bei einer Münchner Filmproduktionsfirma. Und jedes Mal führte mich der Weg vorbei am Münchner Gasteig. Ein schrecklicher Backstein-Beton-Klotz, in dem ironischerweise ein Kulturzentrum und auch der größte Konzertsaal der Stadt untergebracht sind. Beim Anblick dieses architektonischen Verbrechens stieg ich am Morgen immer gerne noch mal extra stark in die Pedale. Bis auf den Tag, als mich dort Ennio Morricone von einem Plakat anblickte – schon damals den Taktstock fest in der Hand. Es war Werbung für das erste Konzert der Filmkomponisten-Legende in Deutschland. Und das mit 75 Jahren!

Nun hat man als Praktikant ja eher ein überschaubares finanzielles Budget zur Verfügung. Und so siegte letzten Endes Verstand über Herz und sowohl Ennio als auch das Innere des Gasteigs blieben weiter ein unentdecktes Mysterium für mich. Letzteres konnte ich ganz gut verkraften. Aber Morricone verpasst zu haben, das nagte noch viele Jahre an mir. Die Chance würde so schnell wohl nicht wieder kommen. Immerhin war der Meister schon 75 Jahre alt. Aber hier hatte jemand die Rechnung ohne italienische Sturheit und die Vorzüge mediterraner Ernährung gemacht.

15 Jahre später, im Januar 2019, stolpere ich im Internet dann über einen Artikel, in dem die große Abschiedstournee des Meisters erwähnt wird. Mit 90 Jahren! Da ist sie, meine zweite Chance. Ein Blick aufs Konto ist auch deutlich beruhigender als noch vor 15 Jahren und so steht die Entscheidung schnell fest. Jetzt wird gebucht. Und zwar richtig. Wenn, dann bitte das allerletzte Konzert von Morricone in seiner italienischen Heimat. Ein Freiluftkonzert in Lucca vor der historischen Stadtmauer. Klingt traumhaft. Und irgendwo in München kommen einer alten Backsteinfassade gerade die Tränen.

Meine Reise beginnt. Und ich begegne dem Meister bereits schon früher als gedacht. Denn irgendwie scheint die ganze Toskana im Morricone-Fieber zu sein. Ich betrete just in dem Moment die Piazza della Signoria in Florenz als eine kleine Blaskapelle mitten auf dem Platz beginnt, die Werke des Meisters zu spielen. Pünktlich zum Sonnenuntergang. Gut, nicht jeder Ton sitzt perfekt. Die Zuschauermenge wächst trotzdem immer weiter. Alle bleiben stehen und lassen sich von der Musik in den Bann ziehen. Magie unter dem Abendhimmel von Florenz.


Gutes Timing beweise ich auch am nächsten Tag. Da komme ich pünktlich zu den Proben des Konzerts in Lucca an. Das Festivalgelände mag für die Proben abgesperrt sein, aber die Musik schallt über das komplette Örtchen. Und so läuft ein durchgeschwitzter deutscher Tourist mit überfülltem Reiserucksack zu den Klängen von "Spiel mir das Lied vom Tod" durch das historische Stadttor. Ein unbezahlbares Gefühl. Genauso wie die Atmosphäre in der Stadt. Fast jeder Laden lässt im Inneren die großen epischen Stücke von Morricone laufen. Man kann kein Eis bestellen, keine Zeitung kaufen und keine Kleider anprobieren, ohne dabei entweder "Ecstasy of Gold" (aus "Zwei Glorreiche Halunken") oder die Titelmelodie von "Spiel mir das Lied vom Tod" zu hören. Und ich ertappe mich dabei, wie ich beim Betreten eines Kleidungsgeschäft instinktiv kurz an meinen Gürtel greife. Brauche den Revolver aber nicht, Henry Fonda ist trotz passendem Soundtrack weit und breit nicht zu sehen.

Am nächsten Abend beginnt das Konzert. Man merkt Morricone nicht an, dass er hier sein offizielles Abschiedskonzert gibt. Der Meister wirkt beinahe emotionslos. Und wird das ganze Konzert über auch keinen einzigen Ton sagen. Stattdessen braust er durch 60 Jahre Filmgeschichte. Los geht es mit "Die Unbestechlichen". Dann ertönen auch schon bald die ersten Klänge aus seinen berühmten Sergio-Leone-Kooperationen. In den ersten Teil packt er seine ganzen Westernstücke und endet vor der Pause mit dem grandiosen "Ecstasy of Gold". In der zweiten Hälfte gibt es dann vor allem jede Menge aus "Cinema Paradiso" und, für die Jüngeren, auch einen kleinen Ausflug zu Tarantino. Vieles ist mir vertraut, manches vergessen (dass er auch hinter dem wundervollen Titelstück aus "Die Verdammten des Krieges" steckt, hatte ich zum Beispiel nicht mehr auf dem Schirm).

Fast drei Stunden spielt der Meister und lässt sich dabei nie aus der Ruhe bringen. Naja, bis auf ein einziges Mal. Als bei einem der Stücke eine sehr ruhige Passage einsetzt, wagen es ein paar Zuschauer tatsächlich zu klatschen. Nicht ahnend, dass wir uns erst in der Mitte des Stückes befinden. Glücklicherweise schaltet genau in diesem Moment die Regie auf eine Nahaufnahme von Morricone. So sieht das ganze Publikum auf den zwei riesigen Leinwänden dessen Reaktion auf diesen Fauxpas des Publikums. Morricone wird rot, plustert die Backen auf, zieht die Augenbrauen hoch und ringt mit der Fassung. Er schnaubt kurz und reißt sich geradeso noch zusammen. Das Publikum muss lachen. Hat er uns also alle reingelegt, mit seinem emotionslosen Einmarsch. Wenn es um Musik geht, hat dieser 90jährige überhaupt nichts von seiner Leidenschaft eingebüßt.

Am Ende gewährt uns der Meister dann auch noch drei Zugaben. Für die er, wieder ohne auch nur ein Wort zu verlieren, jedes Mal mit erstaunlich schnellem Schritt auf die Bühne eilt. Und mit welchem Lied verabschiedet er sich? Das von allen so heißgeliebte "Ecstasy of Gold" ist nur die vorletzte Zugabe. Den Schlusspunkt setzt dagegen das eher etwas unbekanntere "Abolicao" (aus dem 60er Jahre Film "Queimada - Insel des Schreckens"). Klingt düstern, ist aber ein Friedenslied. Und für Morricone wohl ein passenderer Abschied, als ein Stück aus einem italienischen Spaghetti-Western. Es ist das letzte Stück, das Morricone je vor einem großen Publikum dirigieren wird.

Und es ist das perfekte Ende eines perfekten Konzerts. Der Meister wird mir aber noch ein letztes Mal ein Schnippchen schlagen. Am 11. Januar dirigiert er doch noch einmal. Diesmal aber exklusiv für den italienischen Senat in Rom. Der Stadt, in der er am 10. November 1928 geboren wurde.

Und in der er nun, am 6. Juli 2020, die Filmwelt für immer verlassen hat. Doch diese Reise und dieses Konzert wird niemand mir mehr nehmen können. Genauso wie die vielen unglaublichen Werke Morricones, die noch Generationen von Filmliebhabern in ihren Bann ziehen werden.

Wir werden eines Tages sicher noch einmal ausführlicher auf die Werke des Meisters eingehen. Vorerst verbeugen wir uns aber mit dieser kleinen Geschichte vor einer der größten Legenden des Kinos. Und verabschieden uns, wie es Morricone wohl am passendsten fände, mit einem seiner Stücke. Meine Wahl fällt zum Abschied aber nicht auf eine seiner legendären Westernmelodien. Auch wenn ich nur wenige Musikstücke kenne, die bei mir so das Adrenalin in die Höhe jagen wie "Ecstasy of Gold".

Nein, zum Abschied gibt es einen Filmmoment, der für mich wie fast kein zweiter die Kraft des Zusammenspiels zwischen Story und Musik verdeutlicht. Es ist eine Szene aus "Es war einmal in Amerika". Kein großes Duell, keine glorreichen Helden. Stattdessen ist der Protagonist dieser Szene nur ein frühreifer Junge, der einem speziellen Mädchen eine süße Freude machen möchte in der Hoffnung, dass sie ihn dann ran lässt. Was dann passiert, wird dank der Musik von Morricone zu einem wundervollen Charaktermoment. Und zeigt, wie Kino selbst kleinen Momenten eine große Epik verleihen kann. Play it again, Ennio:

 

 


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